Interviews
Sozialer Serj Tankian - Ein Selbsterfahrungsbericht
In einem Kölner Hotel treffe ich den sympathischen Herren mit Ziegenbart. Serj Tankian trägt Jeans, einen dunklen Pulli und einen enorm langen kuschelig aussehenden Wollschal. Die winterlichen Temperaturen in unseren Gefilden scheinen dem amerikanischen Sänger mit armenischen Vorfahren nicht ganz zu behagen, doch das lässt er sich mit keiner Miene anmerken. Von sich aus kommt er auf mich zu und stellt sich vor: "Hi, I'm Serj. Thank you for being here."
Dabei grinst er von einem Ohr bis zum anderen und sieht mit seinem Spitzbart ein wenig verschmitzt und "zwergig" aus - aber sympathisch. Ich hatte schon von vielen Seiten gehört, wie unglaublich nett der "System of a Down"-Frontmann sein soll, davon wollte ich mir in der folgenden halben Stunde selbst ein Bild machen.
Nachdem wir die Formalia geklärt, und ich bereits das erste Foto von ihm gemacht habe, erzähle ich ihm, dass ich da bin, um mit ihm über sein Projekt "Axis of Justice" zu sprechen, weniger, wie der Rest der Journalisten, mit denen er in den letzten Wochen in ganz Europa gesprochen hat, über sein neues Soloalbum "Elect the Dead". Sichtlich begeistert antwortet er: "Oh, great, I love talking about Axis of Justice". Und das ist keine leere Phrase: Immer wieder im Gespräch mit ihm unterbricht er sich selbst und bittet mich, meine Fragen zu stellen, er könne sonst endlos erzählen. Ich lasse ihn...
Serj erzählt, dass er Tom Morello (Gitarrist von Audioslave und Rage against the Maschine), mit dem er die Organisation "Axis of Justice" (AOJ) 2002 gründete, eigentlich aus seiner Nachbarschaft kennt. Über eine gemeinsame Freundin war er vor Jahren auf Tom's Silvesterparty eingeladen und war zunächst zu scheu gewesen um hinzugehen: "Hey, ich wusste, wer die sind, und hab gesagt, ich kann da doch nicht einfach auf ne Party gehen. Unsere gemeinsame Nachbarin hat mich dann doch überredet und meinte, das sei schon OK. Letztendlich war es dann eine super Party - uiuiui." (grinst)
Und wie seid ihr beiden dann auf die Idee gekommen, AOJ zu gründen?
Das war auf einem gemeinsamen Konzert von uns und Audioslave, bei dem Amnesty International auch vor Ort waren. Wir haben uns unterhalten, und Tom und ich kamen zu dem Schluss, dass man eine Möglichkeit, eine Plattform finden müsste, Musiker, Fans und die bedeutendsten politischen Organisationen zusammenzubringen, um gemeinsam für mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen.
Hast du selbst schon einmal Ungerechtigkeit erfahren?
Klar, ich habe selbst schon mitbekommen, wie Ausländer überfallen wurden oder ähnliches, und bin auch selbst schon ein-zweimal Opfer solcher Übergriffe geworden, allerdings in der Kindheit.
AOJ haben sich in den Staaten viele Organisationen und Menschen angeschlossen. Gibt es Überlegungen, vielleicht AOJ auch weltweit zu etablieren? In Deutschland habe ich nur einen kleinen Blog dazu gefunden.
Das wäre schön, aber Tom und ich sind beide so viel unterwegs, dass das leider nicht machbar ist. Wir sind aber immer an Organisationen interessiert, die zu uns passen, mit denen man vielleicht gemeinsame Aktionen starten könnte.
Du und deine Mitglieder seid so tolerant - was denkst du über homosexuelle Liebe und Ehe?
Warum denn nicht? Überhaupt kein Problem: Jeder sollte die Chance haben, so zu leben und zu lieben, wie er will. Die sexuellen Einstellungen und Bedürfnisse eines Menschen dürfen sein Leben nicht einschränken und niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen - das hat nichts mit dem Menschen zu tun.
Einige der US-Präsidentschaftskandidaten sind gegen die Homoehe, z.B. Fred Thompson, einer der Top-Kandidaten. Was sagst du dazu? Und wen wünscht du dir als neuen Präsidenten für die Wahl 2008?
Eigentlich sind alle Republikaner dagegen, Thompson sagt es nur deutlich. Ich wäre demnach für die Demokraten. Aber, weißt du was: Ganz ehrlich, man entscheidet sich doch eh nur für das geringere Übel, oder? Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber eigentlich wird der Präsident ja nicht vom Volk gewählt: Es gibt Kandidaten, aus denen man auswählen kann, aber wenn es eine Wahl des Volkes wäre, müsste man jeden X-Beliebigen wählen können, und der Mensch mit den meisten Stimmen würde gewinnen. Aber so ist es nicht, oder wie ist das hier?
Ähnlich - man entscheidet sich eigentlich auch nur zwischen Pest oder Cholera.
Wie wichtig ist es dir persönlich, biologische und ökologische Kleidung zu tragen, die auch für die Arbeiter in der Manufaktur unter guten Bedingungen und gerechter Bezahlung hergestellt wurde?
Sehr, sehr wichtig! Ich habe daher auch direkt, als die ersten Anfragen nach Sponsoring von Klamottenfirmen kamen, gesagt, dass ich das nicht mache. Ich arbeite nur mit Firmen zusammen, wo ich genau weiß, wie und in welchem Land hergestellt wird.
Auch bei deinem Merch?
Ja, ich achte da auch bei meinen Merchandising-T-Shirts drauf.
Du bist Vegetarier. Seit wann und warum? Glaubst du, dass die Entscheidung für eine vegetarische Ernährung die logische Konsequenz aus einer intensiven und kritischen Auseinandersetzung mit dem System und der Welt ist?
Ja, das könnte eine logische Konsequenz daraus sein, aber ich bin kein Vegetarier mehr - leider! (macht eine traurige Schmoll-Lippe) Ich war sieben Jahre lang Vegetarier, aber ich habe vor einigen Monaten wieder angefangen, Tier zu essen. Ich finde es jedes Mal wieder schlimm, schäme mich und denke viel darüber nach, aber ich mache es aus gesundheitlichen Gründen. Auf Tour ist es sehr schwierig, sich konstant gesund vegetarisch zu ernähren. Eine ausgewogene und kontrollierte Ernährung ist dafür aber sehr wichtig, das klappt bei mir nicht richtig. Und, ganz ehrlich gesagt, ich hatte einfach keine Lust mehr, immer nur Käse und noch mal Käse zu essen. Aber ich wünschte, ich könnte wieder vegetarisch leben.
Du hast Marketing studiert, wie kam es dazu? Steht das nicht im Gegensatz zu deinem heutigen sozialen Engagement?
(grinst) Gute Frage. Ja, das könnte man denken. Aber ich habe nach der Schule einfach irgendwas "Gesellschaftliches" studieren wollen. Ich wollte irgendwie Einfluss nehmen. Marketing war da nur ein Aspekt des Studiums. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern, die schon in der Jugend anfangen haben, Musik zu machen, habe ich ja erst spät begonnen - nach dem Studium - jaja, so alt bin ich schon. (lacht)
Du unterstützt "Music for Human Rights" von Amnesty International. Hast du jemals darüber nachgedacht, UNICEF-Botschafter zu werden und dich im Besonderen für die Rechte der Kinder einzusetzen, wie beispielsweise N`Dour?
Nein, ich kann mich ja nicht überall engagieren. Ich verbringe schon viel Zeit mit AOJ. Es gibt halt viele gute Organisationen. Jeder muss selber wissen, wie er sich engagiert - Hauptsache man macht was, oder?
Sind das die Menschen, die du in deinem Song "The unthinking majority" meinst? Menschen, die unsere Welt, das System und die Globalisierung nicht kritisch betrachten und nichts unternehmen?
Ja, auch. Generell schreibe ich meine Songs aber so, dass sich jeder darin wiederfinden kann. Manche sagen ja auch, dass sie keine Liebeslieder schreiben oder mögen. Warum denn nicht? Ich möchte die Menschen doch nur zum Nachdenken bringen und hoffe, dass die Welt dadurch etwas besser wird. Und Liebe und Zuneigung sind doch wunderschöne positive Gefühle, was soll daran schlecht sein? Vielleicht fühlt sich genau dadurch jemand angesprochen und zieht mit einem positiven Gefühl los in die Welt, das ist doch schön.
Serj hat so Recht - mit vielen Dingen, denke ich, als ich 40 Minuten später die Hotellounge verlasse. Immer wieder während des Interviews fragte mich Serj nach meiner Meinung und woher ich meine heutige Weltanschauung habe. Aber es ging doch gar nicht um mich. Er ist wirklich ein Mensch, der sich Gedanken macht und gerne im Dialog steht. Dabei strahlt er eine unglaubliche innere Ruhe aus und absolute Gelassenheit. Einen so ausgeglichenen und inspirierenden Menschen wie Serj habe ich selten getroffen. Bis zum Ende des Gesprächs bleibt er extrem freundlich, obwohl ihm schon der Soundcheck im Nacken sitzt. Sein Essen ist über das Interview kalt geworden - er findet es aber nicht schlimm und sagt zur Verabschiedung, dass er das Gespräch genossen hat.
Zufrieden und dankbar dafür, selbst neue Anregungen von ihm erhalten zu haben, mache ich mich auf den Weg nach Hause und stelle mich einer letzten Aufgabe von Serj: Ich schreibe meinen Kommentar zu seinem persönlichen Journalisten-Tourbuch "Civilization is dead", welches er auf der gesamten Europa-Promotour mit dabei hatte.
Fazit: Es ist wahr - Serj Tankian gehört zu den angenehmsten Interviewpartnern, die man sich wünschen kann, ist außerordentlich freundlich, zuvorkommend und hat bei mir einen bleibenden positiven Eindruck hinterlassen - und das Ziel, meinen Teil für eine bessere und sozialere Welt zu leisten.
Nadja Schäfers